Besuch des ehemaligen Jugendschutzlagers Uckermark
Erinnern, verstehen, Haltung zeigen
Am 28. August 2026 besuchten wir, die Fachschüler und Fachschülerinnen der Erzieherklasse 24, das ehemalige „Jugendschutzlager Uckermark“ in Ravensbrück/Fürstenberg. Der Besuch fand im Rahmen des Unterrichtsfaches „Politische Bildung“ im dritten Ausbildungsjahr statt. Unsere Fachlehrerin und gleichzeitig Klassenlehrerin Frau Gerhardt hat uns diese Exkursion ermöglicht. Dieser Tag sollte uns nicht nur mit einem dunklen Kapitel deutscher Geschichte konfrontieren, sondern auch die Frage aufwerfen, welche Verantwortung wir als zukünftige pädagogische Fachkräfte tragen.
Ein besonderer Einstieg
Gegen 8:00 Uhr sollte es losgehen. Die Route war im Vorfeld bekannt - zumindest theoretisch. Während einige von uns zielstrebig den Treffpunkt ansteuerten, hatten andere ihr Auto zu früh abgestellt und absolvierten kurzerhand eine morgendliche Wanderung, womit wir erst etwas verspätet beginnen konnten. Frau Gerhardt erwartete uns mit einer Picknickdecke, indirektem Licht und Musik. Zu hören war Louis Armstrongs „What a Wonderful World“. Ein ungewöhnlicher, aber zugleich sehr berührender Einstieg in ein so sensibles Thema. Zwischen der Leichtigkeit und Hoffnung, die das Lied vermittelt, und dem Ort, an dem wir uns befanden, entstand ein besonderer Kontrast.
„Asozial“ ein Begriff der Ausgrenzung und Verfolgung
Unsere erste Aufgabe bestand darin, ein KAWA zu erstellen. Dabei sammelten wir spontan Begriffe und Gedanken, die wir mit dem Wort „asozial“ verbinden. Im anschließenden Austausch wurde deutlich, wie stark sich die Bedeutung eines Wortes durch seinen historischen Kontext verändern kann. Im Nationalsozialismus wurden Mädchen und junge Frauen als „asozial“ stigmatisiert, wenn sie nicht den gesellschaftlichen Vorstellungen und Normen entsprachen. Haben sie sich nicht in die vorgegebenen gesellschaftlichen Rollen, zugeschriebenen Normen und Werten eingefügt/ untergeordnet, konnten sie ausgegrenzt und verfolgt werden.
Der „Stille Gang“
Auf dem Weg zum ehemaligen Lagergelände erhielten wir die Aufgabe, den Weg als „Stillen Gang“ zurückzulegen. Diese Methode dient dazu, die eigene Wahrnehmung zu schärfen, zur Ruhe zu kommen und den eigenen Gedanken bewusst Raum zu geben. Ohne Gespräche gingen wir gemeinsam den Weg. Jeder von uns konnte die Umgebung, die Geräusche und die eigenen Gedanken auf sich wirken lassen. Am Ende waren wir uns einig, dass es eine besondere und intensive Erfahrung war, gerade im Zusammenhang mit diesem Ort.
Ein Ort des Erinnerns
Am ehemaligen Eingang des Lagers angekommen, suchten wir uns einen Platz, breiteten unsere Decken aus und machten eine kurze Pause. Frau Gerhardt hatte an alles gedacht – sogar an diejenigen, die keinen Schutz für ihre „vier Buchstaben“ dabeihatten. Während wir dort saßen und picknickten, erzählte Sie uns von der Geschichte des Lagers. Besonders eindrücklich waren die vorgelesenen Aussagen von Zeitzeuginnen. Durch ihre persönlichen Worte wurde Geschichte greifbarer und unmittelbarer. Wir hörten aufmerksam und gespannt zu. Nach etwa 20 Minuten machten wir uns auf den Weg über das eigentliche ehemalige Lagergelände. Dort, wo früher die Baracken standen, befinden sich heute Informationstafeln, die über die Geschichte und das Schicksal der Mädchen und jungen Frauen informieren. Frau Gerhardt berichtete, dass einige dieser Tafeln zunehmend verwittern und weniger werden. Dieser Gedanke beschäftigte uns. Denn was passiert, wenn Erinnerungsorte verschwinden und Geschichte nicht mehr sichtbar erzählt wird?
Raum für eigene Gedanken
Wir bekamen die Freiheit, uns auf dem Gelände selbstständig zu bewegen. Niemand musste einem vorgegebenen Weg oder Tempo folgen. Jeder konnte für sich sein, innehalten und die Informationen auf eigene Weise aufnehmen. Wir durften unsere Gedanken und Gefühle zulassen, ohne sie sofort mit anderen teilen zu müssen. Die Informationstafeln führten uns schließlich zum Gedenkstein. Dort angekommen, fanden wir Bänke und einen Sonnenschutz. Wieder breiteten wir unsere Decken aus und kamen gemeinsam zur Ruhe. Anschließend tauschten wir uns über unsere unterschiedlichen Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle aus. Gerade dieser offene und persönliche Austausch machte diesen Moment für uns zu einem besonders bedeutsamen Gemeinschaftserlebnis.
Unsere Verantwortung als zukünftige Erzieher/ Erzieherinnen
Zum Abschluss arbeiteten wir in Zweiergruppen. Unsere Aufgabe war es, darüber nachzudenken, wie wir zukünftig zivilgesellschaftlich und pädagogisch handeln können, um Ausgrenzung entgegenzuwirken und dazu beizutragen, dass sich Geschichte nicht wiederholt. Dabei ging es nicht nur um große gesellschaftliche Veränderungen. Es ging auch um unser tägliches Handeln.
Wie begegnen wir Kindern und Jugendlichen?
Wie gehen wir mit Unterschieden um?
Wie erkennen wir Ausgrenzung?
Wie schaffen wir Räume, in denen sich Kinder und Jugendliche angenommen und sicher fühlen?
Welche Haltung bringen wir selbst mit?
Erinnern bedeutet Verantwortung
In unserer abschließenden Reflexion waren wir uns als Klasse einig, dass diese Exkursion wertvoll, bewegend und lehrreich war. Sie hat uns noch einmal deutlich gemacht, was unser Auftrag als zukünftige Erzieher und Erzieherinnen bedeutet. Das, was an diesem Ort geschehen ist, war unvorstellbar grausam. Worte können das Geschehene kaum erfassen. Aber wir dürfen nicht in einer „Schockstarre“ verharren – wie Frau Gerhardt es passend formulierte. „Die Vergangenheit kann man nicht ändern. Aber man kann aus ihr lernen und die Zukunft anders gestalten.“
Wir müssen hinschauen. Wir müssen erinnern. Und wir müssen handeln.
Der Besuch eines solchen Ortes bedeutet deshalb mehr als das Kennenlernen von Geschichte. Er bedeutet, Verantwortung für die Gegenwart zu übernehmen. Denn wenn wir uns erinnern, halten wir Geschichte lebendig. Wenn wir darüber sprechen, verhindern wir, dass sie in Vergessenheit gerät. Und wenn wir unsere Haltung im pädagogischen Alltag leben, können wir unseren Teil dazu beitragen, dass Ausgrenzung, Diskriminierung und Entmenschlichung keinen Platz bekommen. Erinnern ist nicht nur ein Blick zurück. Erinnern ist auch ein Auftrag für die Zukunft. Als symbolische Geste des Erinnerns und der Verbundenheit hat jeder von uns einen Stein am Gedenkstein hinterlassen.
Danke für diesen eindrücklichen und bedeutsamen Tag
Bild zur Meldung: Besuch des ehemaligen Jugendschutzlagers Uckermark